Moderne Liebesgeschichten: jeden Tag neue moderne Liebesgeschichten, immer kostenlos, immer erotisch und geheimnisvoll.

Liebesgeschichten: mal züchtig, mal zünftig und zotig. Moderne Autoren nehmen kein Blatt vor den Mund. Wer glaubt, sie seien obszön, hat nicht gelesen. Gefühl, Geschmack - und eine große Portion Nachdenklichkeit stecken in den Liebesgeschichten. Wobei in dieser Sektion gilt: In der Kürze liegt die Würze.

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Einer von 132.756

Ich starrte auf den Zettel in meiner Hand und kam mir vor wie in einem Kitschmelodram von Rosamunde Pilcher. “Bis heute Abend, dein Weibi.” Fünf Wörter mit schwarzem Filzstift auf einem gelben Post-it und darüber der Abdruck eines kirschroten Kussmunds. Kurz dachte ich nach, wie eine Frau aussah, die einem Mann – meinem Mann! – ein Liebesbriefchen zusteckte und sich dabei Weibi nannte.

Im ersten Impuls wollte ich den Wisch zerreißen, dann faltete ich ihn wieder zusammen und steckte ihn in die Sakkotasche des Fremden, mit dem ich seit zwölf Jahren verheiratet war. Dem ich seit er mir den Ehering angesteckt hatte, treu gewesen war. Während er mit Weibi …

Dabei hätte ich schon seit Jahren Grund genug gehabt, mir etwas Spaß zu verschaffen. Sexuell war die Luft schon lange draußen, gerade mal am Wochenende gab es eine bemühte 08/15 Nummer. Aber ich hirnloses, sentimentales Blödstück wollte ihm das nicht antun. Schließlich gab es auch andere Werte in einer Ehe. Eine Ehe schloss man für gute und für schlechte Zeiten, das war meine Überzeugung. Nur dumm, dass ich mich an die guten gerade nicht erinnern konnte.

Nun, in Zukunft würde ich für diese guten Zeiten selber sorgen. Gleich am nächsten Morgen fing ich damit an. Ich flirtete mit dem Kollegen aus der Marketingabteilung, den ich am Kaffeeautomaten traf. Irgendetwas ging dabei schief, denn statt sich geschmeichelt zu fühlen, suchte er nach fünf Minuten mit einer Ausrede das Weite. Auch die männliche Aushilfe in der Buchhaltung, der Fahrer vom Botendienst oder der sonst so freundliche Bankbeamte wollten sich meiner tobenden Hormone nicht annehmen. Also saß ich abends alleine vor der Glotze, da mein Göttergatte ein “Verkaufsgespräch mit einem VIP-Kunden” hatte, wie er mir am Handy kurz angebunden mitteilte. Ich zappte lustlos – in mehr als einer Beziehung – durch die Kanäle und blieb rein zufällig bei einem Bericht über eine Seitensprungagentur hängen. Rein zufällig notierte ich mir die entsprechende Internetadresse und ebenso zufällig sah ich mir diese Interseite am nächsten Tag im Büro an. Für 3 Euro im Monat oder 29 Euro im Jahr standen mir international 21 Millionen Mitglieder zur Auswahl, national 161.897, die Quote Männer/Frauen betrug 82 zu 18 – das hieß, ich konnte aus 132.756 Männern in Deutschland wählen. Da sollte doch wohl etwas Passendes dabei sein. Ich registrierte mich unter dem Namen Kylie – Marilyn war schon vergeben – und eröffnete einen Account. Kurz darauf flatterte ein Anmeldeformular in mein Postfach, das ich gewissenhaft ausfüllte.

Haarfarbe: veränderlich.

Alter: 25+

Größe: 173 – wozu hatte ich einen Schrank voller Highheels?

Gewicht: ja

Beruf: das war wirklich eine Herausforderung. Nach einiger Überlegung schrieb ich Bettentesterin

Monatseinkommen: 4830 Euro beschloss ich großzügig

Höchste abgeschlossene Schulbildung: MBA – auf eine nähere Beschreibung verzichtete ich.

Sexuelle Vorlieben. Ich runzelte die Stirn. Sex in der Dusche. Sex im Bett. Sex auf dem Küchentisch. Alles, solange es nur Sex war.

Zufrieden schickte ich das Formular ab und erhielt kurz darauf mein Passwort. Dann konnte ich mich im Angebot umsehen. Um unter den 132.756 Strohhalmen meine Stech – äh Stecknadel – zu finden, musste ich meine Suche aus zeitlichen Gründen natürlich einengen. Ich konnte mich ja nicht mit allen 132.756 Hoffnungsträgern persönlich treffen.

Nach einigen Minuten betrachtete ich zufrieden mein Suchprofil für Mister Sex. Etwas optimistisch, aber ich würde sicher nicht anfangen, nach Durchschnitt zu suchen, den hatte ich ja zuhause. Also entwarf ich das übliche Prinzenimage – groß, dunkel, schlank, durchtrainiert, gepflegt, intelligent. In der alles entscheidenden Maßtabelle gab es enttäuschenderweise nur drei Kategorien: Gürkchen – Möhre –  Baseballschläger. Wie gesagt, Durchschnitt hatte ich zu Hause, also gab es auch da kein langes Überlegen.

Mit zitternden Fingern klickte ich auf “Suchen”

Sekunden später präsentierte mir der PC 6.872 Kandidaten. Ich schüttelte den Kopf. Da dürften einige noch nie einen Baseballschläger gesehen haben. Ich engte die Suche auf ein Bundesland ein. Das ergab noch immer 129 Männer. Ich wählte die Option “one night stand ohne Wiedersehen” und “nur mit Kondom”, das brachte 22 willige Seitenspringer, die ich mir näher ansah.

Schließlich kontaktete ich einen gleichaltrigen Typen, der sich selbst als eine Mischung aus George Clooney und Johnny Depp beschrieb. Als Nickname hatte er Kaldak gewählt. Depp wäre ja auch kontraproduktiv gewesen.

Noch am selben Abend kam seine Antwort. Mein Profil sagte ihm zu. Er würde mich gerne treffen. Ah ja. Ich verlangte ein Foto, das postwendend eintrudelte. Hatte er bestimmt von irgendeiner Model-Seite im Netz geklaut. Ich grinste. Wie der wohl wirklich aussah …

Er schlug ein Treffen in einem Hotel in der Nachbarstadt vor, drei Tage später, zwischen zwei und vier Uhr nachmittags. Ich sagte zu, so konnte ich wenigstens ein paar Überstunden abbauen.

Aufgeregt betrat ich die Bar des als Treffpunkt angegebenen Hotels. Mein erstes Date seit ich verheiratet war. Mein erster Seitensprung. Nun, so weit war es ja noch nicht …

Ich setzte mich auf den Barhocker, bestellte Sekt-Orange und schlug meine langen, in hochhackigen Sandalen steckenden Beine übereinander. Es waren noch fast zehn Minuten bis zum vereinbarten Termin.

Meine frischlackierten Nägel trommelten auf den spiegelblank polierten Tresen. Natürlich sah ich nicht zum Eingang, man könnte ja sonst denken …

“Kylie?”

Ich fuhr herum. George Clooney/Johnny Depp stand in Person vor mir und lächelte.  Wow, das Foto hatte er tatsächlich nirgends geklaut. Er sah sogar noch besser aus, vielleicht benebelte mich aber auch sein dezentes Eau de Toilette.

Er lächelte noch immer und mir fiel – spät aber doch – ein, dass ich etwas sagen sollte. “Ja, und du bist Kaldak?”

“Eigentlich Chris, Kaldak ist eine Figur aus einem Thriller.”

Wow, er konnte nicht nur lesen, er tat es auch.

“Ich heiße im wirklichen Leben Biggi – von Brigitte.”

Er setzte sich neben mich und bestellte einen Drink. “Das erste Mal?”

“So offensichtlich?”

Er zuckte die Schultern. “Menschenkenntnis.”

“Du hast schon oft …?” Was an sich schon eine dumme Frage war, weil er über 300 euphorische Bewertungen in seinem Profil hatte.

“Seit sechs Jahren.”

Ich nickte. “Gut, dann kann ja nichts schief laufen. Gehen wir aufs Zimmer?”, fragte ich forsch.

“Klar.” Er hob die Keycard hoch.

Wir gingen zum Lift. Mein Gehirn war wie leergefegt. “Verheiratet?”

Er schüttelte den Kopf: “Nein. Kein Klischee von Frau und Kindchen zu Hause. Oder von einer abgekühlten Partnerschaft.” Mit einem raubtierhaften Grinsen fügte er hinzu. “Ich mag Sex. Heiß und abwechslungsreich und ohne Verpflichtungen. So einfach ist das.”

“Super.” Ich nickte zustimmend und wusste nicht ob, die Gänsehaut auf meinem Rücken Erregung oder Panik war.

Er steckte die Keycard in die Tür und legte den Arm um meine Schulter. Leicht und unverbindlich. Meine Gänsehaut verstärkte sich.

Die Tür fiel zu, ich wollte mich umdrehen, um etwas Geistreiches zu sagen, da zog er mich an sich und küsste mich. Mir blieb die Luft weg und ich kam gar nicht dazu, irgendeine Abwehr zu entwickeln.

Wenn der Sex, den er machte so war, wie er mich jetzt küsste, dann Hallelujah. Noch nie hatte mich ein Mann so geküsst, auch nicht vor zwölf Jahren. Einen solchen Kuss hätte ich nie vergessen. Niemals. Ich spürte ihn bis in meine Zehenspitzen, jedes Nervenende in meinem Körper begann erwartungsvoll zu vibrieren.

“Nicht zu viel reden, und nicht zu viel denken. Genieß es einfach”, murmelte er an meinem Ohr und ich nickte. Der Vorschlag war gut.

Wir waren schneller nackt, als ich gedacht hätte und lagen auf dem breiten Bett. Er hatte einen wirklich guten Körper, die Brust leicht behaart und der Bauch flach, aber ohne auftrainierte Muskeln, das gefiel mir.

Auch in der Möhrenkategorie hatte er nicht übertrieben. Sein Schwanz reichte ihm bis zum Nabel und auch der Umfang gab Anlass zur Freude. Ich griff nach ihm, fühlte mich schamlos und verdammt gut, als ich ihn mit der Hand zu wichsen begann. Er stöhnte und es klang ein bisschen wie das Knurren eines Bären. Meine Gänsehaut kam jetzt eindeutig von meiner Erregung. Und von seinen Fingern, die zwischen meinen Beinen nach dem Rechten sahen.

“Willst du oben sein?”, fragte er mit erfreulich atemlos und griff nach dem Kondompäckchen. Noch nie hatte ich gesehen, dass jemand das Ding so schnell überzog.

“Klar.” Ich setzte mich auf seine Hüften. Die Situation und seine geschickten Finger hatten mich erregt. Ich war nicht nur feucht, ich war nass. Noch einmal rieb ich seinen Schwanz in seiner ganzen Länge, dann hob ich das Becken und führte die Spitze über meinen Kitzler und die kleinen Schamlippen. Himmel, war das gut. Er glühte richtig und seine Hitze steckte mich an. Langsam glitt seine Eichel in meine Vagina, füllte sie aus, Millimeter für Millimeter. Ich dehnte mich für ihn und konnte vor Erregung kaum atmen. So geil war ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen.

Er hielt mich an den Hüften fest und dirigierte meine Bewegungen. Ich ritt ihn, schnell und hart, keuchte, stöhnte, drückte meine Brüste und kam ebenso schnell und hart. 

Er ließ mir keine Zeit, sondern drehte sich mit mir herum. Sein Gewicht presste mich ins Bett und er rammte sich mit langen, tiefen Stößen in mich. Im Handumdrehen stand ich vor meinem nächsten Höhepunkt.

“Langsam”, kommandierte ich heiser. “Langsam, nicht ... noch nicht ...”

Er gehorchte, senkte sich auf die Ellbogen und begann an meinen Nippeln zu saugen. Im selben langsamen, trägen, wundervollen Rhythmus, mit dem er in mich stieß. Meine Finger gruben sich in seine Schultern. Ich fühlte mich wie einem Tunnel aus schwarzem Samt, vollkommen weich und bereit. Bisher hatte ich die Umschreibung “der Orgasmus überrollte mich wie eine Woge” für eine lyrische Fata Morgana gehalten, ohne Bezug zur Wirklichkeit. Aber jetzt war es so. Genauso. Die Woge überrollte mich wie es sich für eine Naturgewalt gehörte. Atemlos wartete ich, bis ich wieder an die Oberfläche geschwemmt wurde.

Er war noch immer in mir. Hart. Heiß. Dick. Meine Finger glitten über seinen feuchten Rücken und krallten sich in seinen Hintern. Ich hob ihm meine Hüften entgegen, presste mich ganz fest an ihn.

“Zufrieden mit dem Programm?”, fragte er stöhnend.

“Und wie. So gut gefickt worden bin ich noch nie.” Sogar meine Stimme klang satt und befriedigt.

“Dann bringen wir die Sache zu Ende.” Er legte sich meine Beine über die Schultern und stützte sich auf dem Bettgestänge über meinem Kopf ab. Die Wucht, mit der er sich in mich rammte, presste mir die Luft aus den Lungen. Bei jedem Stoß rieb sein Schwanz über meinen Kitzler. Mein Körper erwachte zu neuem Leben.

Der Ausdruck in seinem Gesicht verriet seine Anspannung. Er konzentrierte sich nicht länger auf mich, sondern holte sich seinen Teil. Als er kam, warf er den Kopf zurück und stöhnte so tief und kehlig, dass der Laut sich in meinem Unterleib festsetzte und mich in einen dritten Orgasmus kippte.

Ineinander verschlungen blieben wir bewegungslos auf dem Bett liegen. Nach einer Weile sortierten wir unsere Arme und Beine auseinander und brachten etwas Abstand zwischen uns.

Ich war noch immer etwas belämmert. Das ist zumindest die einzige Erklärung, warum ich meine Frage laut aussprach. “Und du triffst dich tatsächlich mit jedem Date nur einmal?”

Er nickte. “Ja, das macht die Dinge einfacher.” Dann grinste er und nahm das Päckchen Kondome vom Nachtkästchen. “Aber so lange das hier nicht leer ist, ist unser Date noch nicht zu Ende.”

“Einer von 132.756” wurde geschrieben von Daria Charon, einer der erfolgreichsten Erotik-Autorinnen des deutschen Sprachraums. Frau Charon stellt nightlounge.biz den Text freundlicherweise zur Verfügung. Besuchen Sie die Homepage der Autorin

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© Daria Charon

Erschienen am 01.03.2010

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Die Abbildung oben zeigt den römischen Kaiser Caligula beim Sex mit einer Gespielin. Alle greifbaren Drucke von diesem Stahlstich wurden in Bayern nach dem 1. Weltkrieg eingezogen.