Moderne Liebesgeschichten: jeden Tag neue moderne Liebesgeschichten, immer kostenlos, immer erotisch und geheimnisvoll.
Liebesgeschichten: mal züchtig, mal zünftig und zotig. Moderne Autoren nehmen kein Blatt vor den Mund. Wer glaubt, sie seien obszön, hat nicht gelesen. Gefühl, Geschmack - und eine große Portion Nachdenklichkeit stecken in den Liebesgeschichten. Wobei in dieser Sektion gilt: In der Kürze liegt die Würze.
Durch Liebe erlöst
Die Villa, die Lord Wyndham für den Aufenthalt seiner Familie auf Kreta im September 1863 gemietet hatte, befand sich auf einem Hügel an der Südküste der Insel. Vom Zimmer ihres Fensters aus konnte Emily den weitläufigen Park mit den Statuen ebenso überblicken wie einen Streifen azurblauen Meeres, das am Horizont mit dem Himmel verschmolz.
Seit vier Jahren war Emily im Haushalt der Wyndhams als Gouvernante der beiden Kinder John und Allegra beschäftigt. Sie wusste, dass sie dankbar sein musste für diese Stellung, die sie an alle schönen Plätze Europas brachte. Aber immer öfter fiel es ihr schwer, Dankbarkeit zu empfinden.
Sie sehnte sich danach, einen eigenen Haushalt zu führen. Eigene Kinder zu haben und sich abends in einem weichen Federbett an einen Mann zu schmiegen, der sie den harten Tag vergessen lassen würde.
Aber diese Träume wurden immer Träume bleiben und Emily wusste es. Sie war weder schön, noch besaß sie genug Geld, um für einen Mann interessant zu sein. Und mit ihren achtundzwanzig Jahren gehörte sie bereits zu jenen Matronen, von denen man erwartete, dass sie den anderen beim Leben zusahen, statt selbst zu leben.
Die beiden Kinder hielten ihren Mittagsschlaf, deshalb beschloss Emily die Gelegenheit zu nutzen und durch den Park zu schlendern. Der betäubende Duft von Jasmin erfüllte die Luft und die Strahlen der Sonne drangen durch Emilys braunes Leinenkleid bis auf ihre Haut. Sie setzte sich auf eine der Steinbänke und schloss die Augen, um dem Gesang der Vögel zu lauschen. Alle Last schwand von ihrer Seele und sie gab sich schillernden Tagträumen hin, in denen sie schön und reich war und von einem wunderbaren Mann geliebt wurde.
Emily
Sie öffnete die Augen und sah sich um, ohne jemanden zu entdecken. Seltsam. Sie hätte schwören können, ihren Namen gehört zu haben. Kopfschüttelnd stand sie auf. Es wurde ohnehin Zeit, dass sie zurück in die Villa ging. Lady Wyndham konnte sehr unangenehm sein, wenn die Kinder aufwachten und niemand war bei ihnen.
Die Statue stand auf dem Wiesenstück unweit eines kleinen Pavillons. Auf den ersten Blick sah sie nicht anders aus, als alle anderen Marmorfiguren, die den Park schmückten. Aber je näher Emily kam, desto stärker spürte sie eine geradezu unheimliche Anziehungskraft, die von der Statue ausging. Zögernd trat sie näher und stand schließlich dem lebensgroßen Mann aus kühlem, weißem Marmor gegenüber. Sie hatte schon in Italien und Frankreich Skulpturen nackter Männer und Frauen gesehen. Doch bei keiner waren die Konturen der Muskeln und Gliedmaßen so fein ausgearbeitet gewesen wie bei dieser. Er blickte dem Betrachter mit einer in die Hüfte gestützten Hand lässig entgegen, und man rechnete unwillkürlich damit, dass er den schöngeschnittenen Mund jeden Moment zu einem provokanten Lächeln verziehen würde.
Der Bildhauer hatte ihm ein geradezu überirdisch perfektes Gesicht gegeben, mit einer hohen Stirn und einer geraden Nase. Die Kinnlinie verriet Entschlossenheit und Energie.
Emily machte noch einen Schritt auf ihn zu und streckte die Hand aus. Ihre Finger glitten über den kalten, glatten Marmor und sie empfand eine eigenartige Enttäuschung. Verwirrt zog sie die Hand zurück und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Was hatte sie erwartet? Dass sich eine leblose Statue warm anfühlen würde? Dass in einer steinernen Brust ein Herz schlug?
Hastig wandte sie sich ab und lief den restlichen Weg zurück zur Villa. Schon im Foyer hörte sie Allegras schrilles Jammergeschrei und prompt war die Statue vergessen.
Erst als sie spätabends in ihrem Zimmer am Fenster lehnte und in den mondbeschienenen Park blickte, erinnerte sie sich wieder an die Begebenheit. Sie konnte die Statue von hier aus nicht sehen, aber wenn sie die Augen schloss, fühlte sie den kühlen Marmor unter ihren Fingerspitzen.
Mit einem Seufzer kroch sie in ihr Bett und blies die Kerze auf dem Nachttisch aus. Dunkelheit umhüllte sie. Samtig und weich.
Emily
Auch die Stimme klang wie dunkler Samt.
Emily
Suchend drehte sie sich um und spähte in die undurchdringliche Schwärze. Der Wind wehte ihr das braune Haar ins Gesicht und sie strich es beiseite, um besser sehen zu können. Feuchtes Gras streifte den Saum ihres weitfallenden, weißen Gewandes.
“Wer ist da?”, rief sie in die Nacht.
Niemand antwortete ihr. Beklommen machte sie ein paar Schritte, ohne zu wissen, wohin. Dann sah sie ihn. Er kam aus dem Nichts auf sie zu. Sein Körper bestand aus durchscheinenden, phosphoreszierenden Konturen und erst als er knapp vor ihr stehen blieb, erkannte sie sein Gesicht. Das Gesicht der Statue.
Fassungslos schlug sie die Hände vor den Mund und starrte ihn an.
“Emily, endlich. Wie sehr habe ich mich nach diesem Moment gesehnt.” Die Lippen, diese perfekten, schön geschwungenen Lippen bewegten sich tatsächlich. Die blauen Augen blickten sie an und der Nachtwind spielte mit seinen blonden Locken.
“Wer ... wer bist du? Woher kennst du meinen Namen”, stammelte Emily verstört.
“Ich bin Valerian. Und ich habe deinen Namen in den Sternen gelesen. Seit Ewigkeiten habe ich darauf gewartet, dass du kommst, Emily. Du bist meine einzige Hoffnung.”
Seine Worte ließen sie die Unwirklichkeit der Situation vergessen. “Du hast auf mich gewartet?”
“Ja. Nur du kannst den Fluch von mir nehmen.” Er streckte seine Hand aus, um ihre Wange zu berühren, aber Emily fühlte keine Berührung, sondern nur einen schwachen, kaum wahrnehmbaren Hauch.
Das Lächeln wurde wehmütig. “Du kannst mich nicht spüren. Nicht so lange der Fluch auf mir liegt.”
Emily versuchte ihre Gedanken zu ordnen. “Ein Fluch?”, wiederholte sie stirnrunzelnd.
“Ja, die Götter haben mich dafür bestraft, zu lieben. Sie bannten mich in eine Statue und ...”, seine Stimme wurde leiser und die Umrisse verblassten, bis sie eins mit der Dunkelheit waren.
“Valerian?” Suchend blickte sich Emily um, doch niemand antwortete ihr. Sie war alleine, umgeben von Finsternis und dem letzten Nachhall seines Namens.Am nächsten Tag konnte Emily es kaum erwarten, die Kinder nach dem Essen zu ihrem Mittagsschläfchen betten, um sich unbeobachtet aus dem Haus zu schleichen.
Aufgeregt blieb sie schließlich vor der Statue stehen. Sie kniff die Augen zusammen, konnte aber nichts Ungewöhnliches feststellen. Also streckte sie die Hand aus und legte sie auf die marmorne Brust.
“Valerian?”, flüsterte sie.
Täuschte sie sich oder fühlte sich der harte glatte Stein unter ihren Fingern warm an?
Ihr Herz raste und gleichzeitig überkam sie eine unerklärliche Mattigkeit. Sie schloss die Augen und lehnte ihre Stirn an Valerians Schulter. Eine schmerzliche Sehnsucht ergriff von ihr Besitz. Sie wünschte sich, dass diese kräftigen Arme sie umfingen, dass diese Stimme zärtliche Worte in ihr Ohr flüsterte und dass diese Lippen sie liebkosten. Ihr Körper fühlte sich schwer und träge an, das Blut floss wie Sirup durch ihre Adern und pulsierte im Delta zwischen ihren Schenkeln.
“Valerian”, seufzte sie und ihre Stimme war rau vor Verlangen. Sie presste sich schamlos an ihn und rieb ihren Unterleib an dem harten Stein. Sogar durch die zahlreichen Röcke konnte sie ihn spüren. Mit einem unterdrückten Stöhnen hob sie den Kopf, um ihre Lippen auf die seinen zu pressen.
“Emily.” Die schrille Stimme riss sie aus ihrer Trance. “Emily, wo stecken Sie denn?”
Hastig trat sie von der Statue weg. Was hatte sie getan? Wie hatte sie sich derart vergessen können? Hoffentlich hatte Lady Wyndham sie nicht gesehen, und auch niemand anderer. Nicht auszudenken ...
“EMILY!”
“Ich komme, Milady”, rief sie und lief den kiesbestreuten Weg zurück zur Villa.
Lady Wyndham erwartete sie bereits ungeduldig. “Endlich, wie können Sie sich so weit vom Haus entfernen?”
“Ist etwas mit den Kindern?”, erkundigte sich Emily atemlos.
“Nein, sie schlafen. Aber wir haben einen Gast und die Dienstboten haben ihren freien Nachmittag. Also werden Sie uns Tee und Gebäck servieren. Wir befinden uns im Artemis-Salon. Und beeilen Sie sich, unser Gast gehört zum italienischen Hochadel. Ich möchte mich nicht blamieren.” Mit diesen Worten rauschte sie davon. Emily atmete tief durch und ging in die Küche. Sie stellte einen Kessel auf den Herd, holte die Dose mit den Biskuits aus der Speisekammer und arrangierte das Gebäck in einer silbernen Schale, die sie auf das Serviertablett stellte. Gemeinsam mit dem in eine zierliche chinesische Kanne gefüllten Tee trug sie alles in den Salon.
Die Wyndhams hatten in zwei tiefen Sesseln Platz genommen, der Gast lümmelte auf der Chaiselongue in den senfgelben Kissen. Sein schwarzes Haar war nachlässig im Nacken zusammengebunden, und seine ebenso schwarzen Augen saugten sich an Emily fest, sobald sie den Raum betreten hatte.
Sie stellte eine Tasse vor ihm hin und füllte sie mit Tee.
“Grazie”, sagte er mit kehliger Stimme. Sein Blick glitt von ihrem Mund zum züchtigen Ausschnitt ihres Kleides. Emily versuchte ihr Unbehagen zu unterdrücken und reichte Lady Wyndham eine volle Tasse.
“Lassen Sie mich Ihnen versichern, Conte Fugazzia, dass Sie jederzeit gerne bei uns gesehen sind. Meine Frau und ich werden alles tun, was in unseren Kräften steht, um Sie Ihren tragischen Verlust vergessen zu lassen.”
Zu Emilys Erleichterung wandte sich der Mann Lord Wyndham zu. “Ich danke Ihnen für Ihr Angebot und werde bestimmt davon Gebrauch machen. Jede Ablenkung ist mir willkommen, um mich aus dem Brüten über den sinnlosen Tod meiner geliebten Beatrice zu reißen.”
Lady Wyndham griff nach der Hand ihres Gastes und drückte sie verständnisvoll. “Wie tragisch für Sie. Ausgerechnet auf der Hochzeitsreise an einer Fischgräte zu ersticken.”
Der Conte bedeckte seine Augen. “Sprechen Sie mir nicht davon, ich ertrage es nicht. Der Verlust ist noch zu frisch.”
“Oh, wie dumm von mir. Entschuldigen Sie.” Sie schwieg betroffen und rührte in ihrer Teetasse.
Emily nahm das leere Tablett und verließ geräuschlos das Zimmer. Sie brachte die Küche in Ordnung und machte sich anschließend auf den Weg zu den Kinderzimmern. Ihre Gedanken kehrten zu Valerian zurück. Ob er in dieser Nacht wieder zu ihr kommen würde? Sie musste ihn unbedingt fragen, was es mit dem Fluch auf sich hatte und wie sie ihn erlösen konnte. Noch nie zuvor hatte sie sich derart zu jemanden hingezogen gefühlt.
Sie erreichte das Ende der Treppe und ging den langen Flur entlang, der zu den Kinderzimmern führte. Emily war so in ihre Tagträume versunken, dass sie nicht schnell genug ausweichen konnte, als plötzlich der Conte vor ihr stand.
“Entschuldigung”, murmelte sie und wollte einen Schritt zur Seite machen.
“Cara mia, bellissima”, raunte er, “ich musste dich einfach sehen.” Er packte sie an den Oberarmen. “Ich muss wissen wie du schmeckst, wie du dich anfühlst, ich kann nicht warten.”
Er zog sie an sich und bevor Emily wusste, wie ihr geschah, presste er seinen Mund auf ihren und versuchte, seine Zunge zwischen ihre Lippen zu schieben. Emily wand sich verzweifelt, aber er war stärker als sie und erreichte sein Ziel mühelos.
Als er endlich den Kopf hob, zitterte sie vor Hass und Abscheu. Mit einer fahrigen Bewegung rieb sie mit dem Handrücken über ihren Mund. “Wie können Sie es wagen, wie ... wie ... noch dazu, wo Ihre Gattin gerade gestorben ist.”
Seine Lippen kräuselten sich spöttisch. “Ich suche nach Ablenkung, ehe der Schmerz mich zerreißt.”
“Lassen Sie mich los.”
Er beugte sich zu ihrem Ohr. “Ich lasse dich los, für heute, cara. Aber wenn wir uns wiedersehen, wirst du bedeutend zuvorkommender sein.”
“Wenn Sie sich da nur nicht täuschen”, zischte Emily.
“Ich täusche mich nie.” Mit diesen Worten ließ er sie stehen und Emily lehnte sich an die Wand. Sie zitterte noch immer. Was hatte sie getan, um eine derart dreiste Behandlung herauszufordern?
Nichts. Sie hatte nichts getan. Es reichte, dass sie eine Hausangestellte war. Das machte sie vogelfrei für die Annäherungen der feinen Herren. Bisher kannte sie solche Situationen nur aus den Erzählungen der anderen Hausmädchen. Sie war von Übergriffen verschont geblieben, weil sie nicht hübsch genug war – das hatte sie zumindest bis zum heutigen Tag gedacht. Aber der Conte hatte sie eines besseren belehrt. Und niemand würde sie vor seinen Attacken beschützen, ganz im Gegenteil. Lady Wyndham würde sie als loses Mädchen bezeichnen, das Avancen herausforderte und sie postwendend entlassen. Aber dieses gemeine Schwein, das mit einem Adelstitel zur Welt gekommen war, konnte tun und lassen, was immer es wollte, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Tränen brannten in ihren Augen. Wenn sie doch jemanden hätte, der den Conte für seine Unverschämtheit büßen ließ. Jemanden wie ... Valerian. Er war groß und stark und ... und ...
Allegras leises Weinen riss sie aus ihren Gedanken. Sie wischte die Tränen mit dem Ärmel weg und zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht, als sie das Zimmer des kleinen Mädchens betrat.Die Stunden bis zum Abend zogen sich unendlich dahin. Emily wartete begierig darauf, sich in ihr Zimmer zurückziehen zu dürfen. Als sie sich schließlich unter der Decke zusammenrollte, war sie so aufgeregt, dass sie glaubte, keine Minute Schlaf finden zu können.
Verzweifelt starrte sie in die Dunkelheit. Wenn er doch nur käme ... ruhelos wälzte sie sich von einer Seite auf die andere. Sie würde ihn fragen ... ihn bitten ...
Emily
Sie fuhr herum. Er saß neben ihr auf dem Bett. Wieder konnte sie nur die schimmernden Konturen seines Körpers sehen, aber er war gekommen, er war da, bei ihr. Vor Erleichterung hätte sie fast geweint.
“Ach, Valerian, wie gut, dass du da bist.” Ihre Stimme zitterte.
“Hast du daran gezweifelt?”, fragte er sanft und hob die Hand, um ihre Wange zu streicheln.
Emily beschloss, nicht lange um den heißen Brei herumzureden. “Was muss ich tun, um dich zu erlösen?”
“Du musst mich lieben. Nur die Liebe kann den Bann brechen.”
“Ich liebe dich”, sagte sie atemlos.
Er blickte sie zärtlich an. “Du musst es mir auch beweisen.”
“Wie? Was muss ich tun?”, erkundigte sie sich eifrig. “Blut? Brauchst du mein Blut? Oder soll ich einen Schwur leisten?”
“Nein, Emily, du musst nichts weiter tun, als mich zu küssen.”
Sie sah ihn ungläubig an. “Das ist alles?”
“Ja. Aber du musst mich in meiner Gestalt küssen. Du musst den harten kalten Stein, der mich gefangen hält, mit so viel Liebe und Leidenschaft küssen, dass er mich frei gibt.”
“Das ... das hätte ich heute fast getan.” Bei diesem Gedanken röteten sich ihre Wangen und ihr Verlangen erwachte aufs Neue. Wie sehr sie sich doch nach diesem Mann sehnte. Er war alles, wovon sie immer geträumt hatte.
“Ich weiß”, antwortete er rau und sein Blick schien sie zu versengen, “meine Verzweiflung kannte keine Grenzen als du dich im letzten Moment abgewandt hast.”
“Wenn ich dich erlöse, bleibst du dann bei mir?”; fragte sie scheu und wagte nicht, ihn anzusehen.
“Ja, natürlich bleibe ich bei dir. Wie kannst du nur etwas anderes glauben.”
Emily schloss die Augen. Ja, wie hatte sie etwas anderes glauben können? Sie waren vom Universum für einander bestimmt.
“Und wenn mich ein anderer Mann beleidigt, würdest du mich dann verteidigen?” Die Frage klang lächerlich in ihren Ohren, aber sie musste sie einfach stellen.
“Glaubst du etwa, ich sehe tatenlos zu, wie meine Frau beleidigt wird?”
Ihr Kopf ruckte hoch. “Deine Frau?”
“Meine Frau”, bestätigte er. “Unter der Statue ist eine Kiste mit Goldmünzen vergraben. Wir werden ein Haus kaufen und bis ans Ende unserer Tage gemeinsam glücklich sein. Aber ich warne dich, ich möchte mindestens vier Kinder.”
Seine Worte hüllten Emily in helles Licht. Sie sah die Zukunft an seiner Seite. Niemand würde ihr mehr Befehle erteilen, niemand würde es wagen, sie verächtlich zu behandeln. Seine Erlösung bedeutete auch die Erlösung von ihrem tristen Dasein.
Sie lächelte ihn an, trunken vor Liebe und Glück. “Lass uns hinausgehen, Valerian, lass mich dir zeigen, wie sehr ich dich liebe.”
Sie nahm die Kerze und machte sich auf den Weg. Er blieb neben ihr und seine Gegenwart alleine erfüllte sie mit Freude. So würde es von jetzt an immer sein.
“Wie lange bist du schon in der Statue?”
“Viel zu lange.”
“Und warum hat man dich so bestraft? Weil du geliebt hast? Das verstehe ich nicht.”
“Meine Liebe war so stark, dass sie sich über alle Gesetze hinweggesetzt hat. Die Frau, die ich geliebt habe, gehörte einem andern. Einem sehr mächtigen, sehr gefährlichen ... Dämon. Ich habe ihn getötet, um mit ihr zusammen sein zu können. Doch sein Clan forderte von den Göttern Rache.”
“Oh.” Der Conte sollte seine Hände besser bei sich behalten, dachte Emily zufrieden. Mit Valerian an ihrer Seite konnte ihr nichts mehr passieren. Er würde sie beschützen. Aber dann fiel ihr etwas anderes ein. “Wirst du mich ebenso sehr lieben wie sie?”
“Noch viel mehr, Emily. Du bist mein Leben”, antwortete er mit ernster Stimme.
Sie waren bei der Statue angelangt. Emily blieb stehen und sah, wie Valerians Konturen sich mit jener der Marmorfigur vereinigten.
Du bist mein Leben. Diese Worte hallten in ihrem Kopf, als sie nahe an ihn herantrat und sich an ihn schmiegte. Ihr Körper reagierte sofort, wurde heiß und schwer vor Verlangen. Endlich hatte ihr Warten ein Ende. Endlich würde sie wissen, was es bedeutete eine Frau zu sein, einem Mann anzugehören mit ihrem ganzen Sein.
Emily hob den Kopf und berührte die kühlen Lippen der Statue. “Ich liebe dich.”
Der Marmor wurde warm und eine weitere Welle der Erregung erfasste sie. Unbewusst krallten sich ihre Hände in seine Schultern und sie stöhnte. Ihre Zunge glitt über den Stein, spürte die Hitze, die stärker und stärker wurde, bis sie es nicht mehr ertragen konnte.
Sie wollte sich von ihm lösen, aber es gelang ihr nicht. Im selben Moment, als sie begriff, dass sie mit dem Stein verschmelzen würde, jagte ein gleißender Blitz über den samtschwarzen Himmel und machte die Nacht zum Tag.Emily lag auf dem Boden. Ihre Augen waren geschlossen und ihr Haar breitete sich auf dem feuchten Gras wie ein seidiger Teppich aus.
Der Mann stand neben ihr und blickte auf sie hinunter. Schließlich hockte er sich nieder und tätschelte ihr Gesicht.
“Liebes, komm zu dir. Es ist vollbracht.”
Sie schlug die Augen auf und blinzelte verdattert. Dann lächelte sie und streckte ihm die Arme entgegen. “Endlich, endlich kann ich dich wieder berühren. Komm her, halt mich fest. Ich sehne mich so sehr nach dir.”
Er stand auf. “Wir sollten verschwinden. Unter freiem Himmel können sie uns leicht ausfindig machen und ich habe keine Lust, mich mit dem Zorn der Götter auseinanderzusetzen. Du weißt doch, dass die ersten Stunden die gefährlichsten sind. Und ich will dich nicht schon wieder verlieren. Nicht, nachdem ich so lange warten musste. Wenn du einen ganzen Tag in einem neuen Körper verbracht hast, können sie dir nichts mehr anhaben. Dann müssen sie abwarten, bis die Lebenskraft dieses Körpers verbraucht ist, um uns wieder in Stein zu verwandeln.”
Sie zog einen Schmollmund. “Ach, das sind doch Ausreden. Gefalle ich dir nicht? Der Körper dieser Emily ist so ... so dünn und unansehnlich. Und du bist geradezu teuflisch attraktiv. Viel attraktiver, als ich als Mann je gewesen bin.”
Er grinste geschmeichelt. “Wir werden dich schon aufpäppeln. Und der Vorgeschmack, den ich heute hatte, lässt mich durchaus hoffen, es die nächsten Jahre mit dir aushalten zu können, Liebes.”
Sie seufzte und erhob sich. “Immerhin hatte Emily keinen Ehemann, den wir beseitigen müssen. Das ist immer so lästig.”
Er lachte. “Nun, die Contessa ins Jenseits zu befördern, war ganz einfach. Wesentlich einfacher, als den Conte dazu zu bringen, eine nackte weibliche Marmorstatue zu küssen.”
“Du hättest dich nicht einmischen brauchen.” Mit diesen Worten legte sie ihre Arme um seinen Hals. “Ich hatte Emily soweit, dass sie mich küsst. Es ist immer dasselbe mit den Frauen, egal in welchem Jahrhundert wir uns wiederfinden. Erzähl ihnen, was sie hören wollen, und schon sind sie zu allem bereit.”
“Ich weiß, aber als du mir gesagt hast, dass du eine geeignete menschliche Frau gefunden hast, konnte ich nicht mehr warten.” Er zog sie an sich und küsste sie voller Leidenschaft. “Wir sollten den Göttern dankbar sein, dass sie in ihrer unermesslichen Weisheit in ihre Flüche immer ein Hintertürchen einbauen.”
Sie warf den Kopf zurück und lachte. “Wie recht du hast! Damit und mit der Dummheit der Menschen sind wir praktisch unsterblich.”
“Durch Liebe erlöst” wurde geschrieben von Daria Charon, einer der erfolgreichsten Erotik-Autorinnen des deutschen Sprachraums. Frau Charon stellt nightlounge.biz den Text freundlicherweise zur Verfügung. Besuchen Sie die Homepage der Autorin
Daria Charon erfolgreichster Roman bei Amazon: Die Nichte der Marquise: Erotischer Roman
© Daria Charon
Erschienen am 29.05.2010
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