Erotische Geschichten: Kurzvorstellung der Autoren, die klassische erotische Geschichten oder moderne erotische Geschichten schreiben.

Die Autoren der erotischen Geschichten. Es sind berühmte Schriftsteller, manche tarnten sich mit Pseudonymen. Es sind (Haus-)Frauen, die in ihrer Freizeit frivole Bestseller verfassten. Es sind Literaten, begnadete Pornografen, Frauenversteher und Perverse - allesamt zu schade, um vergessen zu werden.

“Ich wollte den Männern auf den Grund gehen”

Eine kurze Einführung in den Roman “Memoiren einer Sängerin”

Was bleibt vom Jahr 1868? Man stutzt. Überlegt. Schweigt. Wenig hat die Zeit überdauert, wenn man zurückblickt. Aber drei Dinge sind es denn doch, die bleiben. Die Ironie dabei: Was damals gefeiert wurde, ist heute vergessen. Und was 1868 nicht beachtet wurde, veränderte die Welt:

“Das Kapital” von Karl Marx erschien. Damals unbeachtet, ungelesen. Kein Wunder, verfasste der Teilzeit-Journalist doch ein schwer verdauliches, dazu noch mehrbändiges Werk. Es entfaltete Langzeitwirkung. Lenin las es und machte Revolution in Russland. Überall auf der Welt bildeten sich kommunistische und sozialistische Parteien, die sich auf Marx beriefen. Mit dem “Kapital” begründete Marx den wissenschaftlichen Sozialismus und stellte den Kapitalismus als sich selbst zerstörende Produktionsweise dar.

Ebenfalls 1868 erschienen die “Memoiren einer Sängerin”. Der Autor hielt sich versteckt, veröffentlichte anonym. Denn das Werk war gewagt, frivol, erotisch: Eine Frau schildert ihr sexuelles Erwachen, ihre Ausschweifungen und Erfahrungen mit Männern. Dabei lässt sie kein Detail unerzählt. Das Buch war der Skandalerfolg der Saison und erlebte bis 1875 mehrere Nachauflagen - und Verbote. Bald kam das Gerücht auf, dass die gefeierte Operndiva Wilhemine Schröder-Devrient die Autorin des Werkes sei. Was den Verkauf zusätzlich anheizte. Überliefert ist der Ausspruch der Sängerin: “Ich wollte den Männern auf den Grund gehen.” Bis zum jetzigen Datum ist die Autorschaft nicht mit letzter Sicherheit geklärt, aber die Wissenschaft neigt der Annahme zu, dass es tatsächlich Wilhemine Schröder-Devrient war. Wichtiger heute: Der Briefroman ist nicht nur freizügig, sondern sehr modern geschrieben. Während viele Bücher von damals den heutigen Lesern verstaubt und verschnörkelt vorkommen (auch “Das Kapital”), lesen sich die “Memoiren einer Sängerin” flüssig und ziemlich aufregend: Man erfährt über Sitten, Leben und Denken in der damaligen Zeit. Und entdeckt, dass Wünsche und Hoffnungen von Frauen damals nicht viel anders waren als heute. Die Absichten der Männer übrigens auch. - Heute sind die “Memoiren einer Sängerin” völlig vergessen. Vielleicht ist es ausgleichende Gerechtigkeit gegenüber dem “Kapital”, welches damals unbeachtet blieb, obwohl es doch das gewichtigere Werk ist. Zumindest wenn man die Marx-Bände auf die Waage legt.

Was ist übrigens das dritte Ding, was aus dem Jahr 1868 bleibt? Die Remington Schreibmaschine. Die Erfinder Christopher Latham Shoes, Carlos Glidden und Samuel W. Soulé entwickelten sie. Der Hersteller E. Remington & Sons brachten das mechanische Wunderwerk auf den Markt. Damals kaum beachtet, ab 1890 dann 100 Jahre lang Werkzeug der Schriftsteller und Journalisten. Wilhemine Schröder-Devrient schrieb noch mit dem Federkiel (Füllhalter gab es noch nicht). Wenn sie denn wirklich geschrieben hat.

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Die vollkommene Ehe

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Während die Kunst (oben: Bordellszene von Degas) Erotik und Sex als Thema längst entdeckt hatte, trauten sich die Bürger im Alltag um 1900 kaum, über das Thema zu reden. Sex war Schmuddelkram. Mit der Folge, dass viele Paare unter Eheproblemen litten, ohne darüber zu sprechen. Bis Dr. Theodor Hendrik Van de Velde das erste Sexberatungsbuch der Literaturgeschichte schrieb. Es erschien 1926, und niemand hätte es dem seriösen Dr. Van de Velde zugetraut, ein derartig obszönes Werk zu verfassen, das unmittelbar bei Erscheinen zum Skandalon wurde. Van de Velde stand damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Mediziner. Er war blond, das Haar an den Schläfen bereits leicht ergraut, die Stirn hoch und seine Augen blickten gütig und ernst. Er sprach ein Dutzend Sprachen und war Leiter der Frauenklinik in Haarlem. Mitarbeiter nannten ihn den "Grandseigneur der Medizin". Bis er das Buch "Die vollkommene Ehe" heraus brachte. Lange vor Kinsey redete Van de Velde darin Klartext über Sex und glückliche Beziehungen. Noch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen sorgte das Werk für Gesprächsstoff. Van de Velde gab seine Leitungsposition in Haarlem ab und zog sich in die Schweiz zurück.